Into the wild

Was ist die Wildnis? Und was bedeutet der geheimnisvolle Ruf, den Buck, der Hund, am Ende von Jack Londons Roman vernimmt, bis er ihm schließlich folgt und so zum Wolf wird, für immer in den Wäldern des Nordens verschwindend? Das, sagt Antonia Eleonore Hölzel, »ist eine sehr große Frage. Wir wissen es nicht.« Sie gehört zum fünfköpfigen Ensemble, das Bucks Geschichte ab Anfang Dezember im Ballhof erzählen wird. Gemeinsam mit der Regisseurin Clara Weyde spürt die Gruppe ihr nach und sucht nach Wegen, sie auf die Bühne zu bringen. Als Textvorlage dient den Theaterleuten nicht das Buch, sondern eine Neufassung von Soeren Voima.

 

Eine vorläufige Antwort, immerhin, glaubt Antonia gefunden zu haben. Vielleicht sei es ja der Lockruf der uns »unbekannten Welt«, unsere Sehnsucht, aus dem Kreislauf des Bekannten und Vertrauten auszubrechen. Das passt ganz gut zu ihrer eigenen Lebenssituation. Denn Antonia Eleonore Hölzel ist neu im hannoverschen Ensemble und erst seit Saisonbeginn dabei. Genau genommen, ist die 25-Jährige sogar der einzige aktuelle Neuzugang, frisch von der Zürcher Hochschule der Künste ans hiesige Schauspiel engagiert. Und auch, wenn sie die Stadt schon von einem halbjährigen Gaststudium an der HMTMH kannte, war »halt alles neu« für sie, musste sie erstmal »rauskriegen, wie das hier so läuft«. Die neuen Kollegen erlebte sie als eingeschweißte Truppe. Würde sie ihren Platz darin finden?

 

Viel Zeit zum Grübeln hatte und hat sie jedoch nicht. Sie gehört zum Stammpersonal der Theaterserie Eine Stadt will nach oben, obwohl hier eigentlich nicht nur die Regisseure, sondern auch die Besetzungen von Doppelfolge zu Doppelfolge wechseln. Doch Antonia alias Rieke, die den Helden Karl bei sich wohnen lässt und ihn auch sonst nach Kräften unterstützt, ist in den ersten vier Teilen durchgängig präsent. Munter turnt sie durch das Cumberlandsche Treppenhaus, fährt mal ratternd Eisenbahn, philosophiert pfannenschwenkend über den Wert der Kartoffel an sich, gleitet plötzlich mit den Kollegen kopfüber treppab. Vor allem die Proben zu den ersten beiden Folgen seien toll gewesen, schwärmt sie. Doch schon ging es weiter. Nur drei Wochen Probenzeit für die Episoden drei und vier. Puh, »das war schon extrem«.

 

Neben dem Dauereinsatz in Cumberland und den Proben zu Ruf der Wildnis wartet noch mehr Arbeit auf sie: In Auerhaus und Der gute Mensch von Sezuan ersetzt Antonia Eleonore Hölzel neuerdings zwei Kolleginnen, die inzwischen an anderen Häusern engagiert sind. »Oh Gott«, dachte sie zuerst. Doch ihr Zürcher Sprechlehrer, der früher selbst Schauspieler war, ermutigte sie, keine Scheu davor zu empfinden, in eine schon fertige Produktion hineinzuspringen. Das hat ihr bei Auerhaus sehr geholfen. »Es war voll schön, da so reinzugehen. Irgendwie hatte ich überhaupt keinen Stress.«

 

Trotz ihrer Courage und ihrer Leidenschaft für den Schauspielerberuf lernte sie aber auch schon das Gefühl kennen, »nur noch am Rackern und Funktionieren zu sein«, die Gefahr, gar nicht mehr zur Ruhe zu kommen und bei sich selbst zu sein. Das war Mitte Oktober, unmittelbar nach der zweiten Serien-Premiere. Sie versucht, sich dagegen zu wappnen, will herausfinden, »wie man sich selber nähren kann«. Denn »man hat ja nur sich, den eigenen Körper, mit dem man agiert«. Ein kostbares Gut, das es zu schützen gilt.

 

Raus aus Cumberland und rein in die Wildnis: »Ja«, lacht Antonia Eleonore Hölzel, »endlich spiele ich auf der Bühne!« Dann wird sie wieder ernst, berichtet von Zweifeln, von der Suche nach der richtigen Spielhaltung. Ruf der Wildnis sei ein klassischer »Erzähltext«, Autor Soeren Voima hat ihm eine Kommentarebene hinzugefügt, die so im Roman nicht existiert. Wie schafft man es, dass es spannend wird? Bei den Proben gehe es »total körperlich« zu, es mache viel Spaß. »Aber wir sind noch auf der Suche.«

 

Diese Suche, das Staunen über die Welt, die wir vorfinden, zu der wir uns in Beziehung setzen, die aber immer auch ganz anders sein könnte, teilt die junge Schauspielerin mit Buck, dem Protagonisten der Geschichte, der vom privilegierten Hofhund zur geschundenen Kreatur und schließlich zum Wolf wird. Sie kleidet es in eine Frage: »Wie kommt es, dass ich so lebe, wie ich lebe?«

 

Die Suche geht weiter. Am 8. Dezember wird das Ensemble ein wichtiges Ziel erreichen. Dann ist Premiere.
Björn Achenbach


Premiere 08.12.17, 19:30 Uhr, Ballhof Eins

Weitere Vorstellungen: 10.12., 03.01., 22.01., 27.01.18, jeweils 19:30 Uhr

TICKETS UND INFOS HIER