Schonungslos und bitterböse

Wenn Pia Katharina Jendreizik und Kassandra Wedel auf der Probebühne in Bornum probieren, ist es sehr ruhig, obwohl die ganze Zeit gesprochen wird. Beide Darstellerinnen sind gehörlos und sprechen Gebärdensprache. Erstmals wird am Schauspiel Hannover ein Theaterstück in Laut- und Gebärdensprache zur Aufführung gebracht, erstmals an einem Staatstheater wird dabei ein Theatertext umgesetzt, der in deutscher Sprache vorliegt.


Der Text von Evan Placey Mädchen wie die beschreibt schonungslos und bitterböse einen Fall von Cybermobbing an einer Schule und dessen Folgen. Das Nacktbild von Scarlett wird an alle Schülerinnen und Schüler verschickt, und während sich die Jungen das Bild heimlich abspeichern, beginnen die Mädchen, Scarlett zu beleidigen und zu beschimpfen, denn Mädchen wie die können nur Schlampen sein. Selbst als Scarlett die Schule wechselt, folgen sie ihr mit dem Nacktbild, das für immer im Netz zu sehen sein wird.


Evan Placey setzt diesem wildgewordenem Haufen Mädchen vier Frauenschicksale aus dem 20. Jahrhundert entgegen. Es sind Geschichten von Frauen, die als erste erfolgreich für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung gekämpft haben. Placey entwirft ein großartiges Wechselspiel der Rollenbilder und zeigt, wie schwer es ist, die jahrhundertealten Trampelpfade der Geschlechterbilder zu verlassen – und dass das Netz nie vergisst.


Die Regisseurin Wera Mahne hat bereits Erfahrungen in der Umsetzung zweisprachiger Theaterstücke für Hörende und Gehörlose, doch auch für sie ist das Vorhandensein eines Theatertextes eine besondere Herausforderung. Es geht hier nicht um eine reine Übersetzungsleistung, sondern darum, dass beide Sprachen gleichberechtigt auf der Bühne vorkommen, denn die Inszenierung richtet sich sowohl an ein hörendes als auch an ein gehörloses Publikum. Der Text muss auf Gebärdensprache übersetzt werden, und für jeden Satz und jedes Bild gilt es, die richtige Gebärde zu finden. Auch der hörende Teil des Ensembles, Dennis Pörtner und Elena Schmidt, lernt simultan Gebärden, damit auf der Bühne Verabredungen und Kommunikation möglich sind.


Die Situation der Ausgrenzung und Diskriminierung, die im Text beschrieben wird, bekommt in der Arbeit mit gehörlosen Menschen eine zusätzliche Bedeutung. Denn obwohl sie so alt wie die Lautsprache ist, war das Unterrichten in Gebärdensprache im 19. Jahrhundert in vielen Ländern verboten; Gehörlosen wurde so der Zugang zu Bildung und Gesellschaft verwehrt. Erst seit 2002 ist Gebärdensprache eine offiziell anerkannte Sprache, die in Deutschland unterrichtet und unterstützt wird, wobei sich die Situation der sprachlichen Ausgrenzung nur langsam verbessert.


Um das Thema der Zweisprachigkeit auf der Bühne auch in der Forschung zu vertiefen, kooperiert das Junge Schauspiel Hannover für diese Produktion mit dem Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Stiftung Universität Hildesheim. Die Studierenden beschäftigen sich mit den Möglichkeiten der Übertitelung innerhalb der Inszenierung. Gleichzeitig wird die Produktion selbst Gegenstand einer Forschungsarbeit. Anhand des Probenprozesses soll ein Leitfaden entstehen, der es auch anderen Theatergruppen ermöglicht, in Lautsprache geschriebene Texte mit einem hörenden und gehörlosen Theaterensemble aufführen zu können.
Janny Fuchs

 


Premiere: 12.01.18, 19:30 Uhr, Ballhof Zwei (ausverkauft)

Nächste Vorstellungen: 17.01. + 18.01. + 19.01.18 (alle ausverkauft)

Weitere Termine ab März 2018 (der März-Spielplan erscheint am 26. Januar 2018)